Worte zum Tag


Berge versetzen

„Oh nee!“ seufzte der erschöpfte Wandersmann, als er um einen Vorsprung kam. „Müssen wir da auch noch rüber?“ Vor ihm tat sich ein steiler Anstieg auf. Ziemlich am Ende, viel Kraft verbraucht und verloren.

Eigentlich macht das Wandern ja Spaß, weitet Lungen, erfüllt mit Glücksgefühl, wenn schöne Aussichten die Anstrengungen belohnen. Aber wenn man sich weh getan hat durch Sturz oder Umknicken des Fußes, wenn es Streit und Missfallen gibt oder man zu viel Lasten mitschleppt, dann werden Wege beschwerlich, dann erscheint so manche Kuppe wie ein unüberwindbarer Berg. Warum muss dieser Anstieg noch kommen? Wann endlich zu Hause? Ich kann nicht mehr.

Mir begegnen immer mehr Menschen, die dieses Gefühl mit sich rumtragen: „Das schaffe ich nicht! Warum immer ich? Ich werde von der Last erdrückt.“ Warum fällt mir das zunehmend auf?

Bin ich für diese Stimmungen sensibler geworden? Sind tatsächlich die Belastungen so viel größer geworden bei den Menschen um mich herum? Das mag sicher auch so sein. Aber ich merke, dass ich mich verändere. Was noch vor ein paar Jahren ganz leicht ging, kostet mich heute viel mehr Mühe, ich brauche mehr Zeit, um neue Kräfte zu gewinnen. Und manches Mal ist da so ein großer Berg vor mir: „Oh nee, warum muss das auch noch passieren! Es reicht doch längst für diesen Tag!“

Glaube kann Berge versetzen… Schöner Spruch! Aber ich habe noch keinen Berg gesehen, der nicht mit viel Kraft – nicht mehr mit dem Spaten, dazu haben wir riesige Bagger – abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgetürmt wird. Manche Berge erscheinen groß und ich habe keine Kraft, sie zu erklimmen oder zu beseitigen.

Und da ist für mich die Chance des Glaubens: „Du wirst Zukunft haben!“ Das ist die Verheißung des Glaubens! Steh auf, pack es an oder sieh dich um, such neue Wege, bleib auf keinen Fall liegen, denn das ist Tod. Glaube führt nicht an finsteren Tälern vorbei oder beseitigt die Berge einfach so vor uns. Vielmehr ist er eine Kraftquelle zur Auferstehung heute und jetzt aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Starre.

Nur wenn ich aufstehe, komme ich weiter, kann Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden und sogar neue Wege finden… man muss nicht immer über den Berg… manchen Berg kann man einfach neben sich stehen lassen!

Dieter Harburg, Pfarrer an St. Georg Goslar

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