Worte zum Tag

Opfer für das Leben

Vielleicht sei die Botschaft von Karfreitag und Ostern deshalb für viele Menschen heute so sperrig, weil es darin um ein Opfer gehe. So eine große Wochenzeitschrift. Das sei eben in einer Gesellschaft der Selbstdarsteller und Selbstoptimierer unmodern.

Ist es unmodern? Die Zeitung zählt Beispiele von Menschen auf, die in jüngster Zeit solche Opfer auf sich genommen haben, wie es einst Jesus tat. Zum Beispiel der Pater, der in der syrischen Stadt Homs erschossen wurde – er wollte die eingekesselten Menschen dort nicht alleine lassen. Oder die Gefängnisdirektorin, die sich gegen die Geisel eines Frauenmörders eintauschen ließ.

Opfer bringen aber nicht nur die, die dabei ihr Leben riskieren. Das tun auch die, die jahrelang pflegebedürftige Verwandte betreuen. Oder die Lehrerin, die unentgeltlich in einem Asylantenheim Kindern bei den Hausaufgaben hilft.

Wahrscheinlich schwingt in solchem Verhalten die Ahnung mit, dass wir darin am menschlichsten sind, das Du über unser Ich stellen zu können. Manchmal wenigstens. Wir würden uns gleichsam auf eine sehr frühe Stufe unserer Entwicklungsgeschichte zurückbegeben, wenn wir auf diese Möglichkeit verzichteten. Auf sich selber zu achten, ist nicht so schwer. Es hilft dem, der das tut, kurzfristig. Aber erst die Fähigkeit, füreinander einzutreten, die Fähigkeit zur Liebe, die Fähigkeit eines Menschen, über sich selbst hinauszukommen und ganz für jemand anderen da zu sein, macht uns zu den Menschen, als die Gott uns gedacht hat. „Ecce homo! Seht, welch ein Mensch!“ sagt der römische Statthalter Pontius Pilatus im Blick auf den ausgepeitschten Jesus. Vielleicht ist das abfällig gemeint von ihm. Dennoch spricht Pilatus die Wahrheit aus: Hier zeigt sich der Mensch, der das Leid anderer teilen und mitfühlen kann. Er gibt sein eigenes Leben her, damit andere Hoffnung schöpfen können. Hier zeigt sich der Mensch, wie Gott ihn gemeint hat. Er stirbt – und erringt doch den Sieg wahrer Menschlichkeit und damit den Sieg des Lebens.

Morgen, an Ostern, feiern wir das. Die Ostergeschichten erzählen von der Auferstehung Jesu, einem Wunder, das letztlich nicht erklärbar ist. Und doch wiederholt sich etwas von diesem Wunder überall dort, wo Menschen etwas von den Möglichkeiten ihres Lebens opfern, um das Leben anderer Menschen zu befördern. So haben wir Grund, einander „Frohe Ostern!“ zuzurufen.

Thomas Gunkel, Propst in Goslar

 

Propstei Goslar | Kirche für und mit Menschen in Stadt & Land Goslar