Worte zum Tag

Enttäuschte Liebe

Palmsonntag – der Sonntag vor Ostern, der Sonntag zum Beginn der Karwoche, da sollte man nicht mehr … ganz intensiv soll man über das Leiden Jesu nachdenken, in dieser Woche gedenken wir seines Todes am Kreuz … man sollte … ja was erwarten Menschen von uns?

Menschen haben Erwartungen an uns, an unser Verhalten wie damals beim Einzug Jesu in Jerusalem.

So soll ein Christ sein, vielleicht so wie ich …

Schönwetterchristen, Palmsonntagschristen gibt es genug. Solche, die mit Begeisterung anfangen, die sich noch gut an die großen Gefühle erinnern können, als sie zum ersten Mal ehrlich gebetet haben, als sie ehrlich geliebt haben. Und der Anfang damals, der war echt, so wie das Palmenwinken in Jerusalem. Aber wer denkt, es würde immer so weitergehen, voller Begeisterung und Hochgefühl, wie ich es mir wünsche, täuscht sich. Und wer sich täuscht, wird schnell enttäuscht. Judas hatte sich getäuscht und war enttäuscht.

Enttäuschte Gläubige sind wie gekränkte Liebhaber: Gefährlicher und schlimmer als solche, die schon immer gegen einen waren.

Das Leben wird schwierig, die Begeisterung schwindet, die Freude lässt nach. Der, dem man eben noch zugejubelt hat, stößt im Tempel die Tische um. Die Art, wie wir bisher geglaubt haben, wird nicht mehr beachtet. So wie meine Liebe bislang erfüllt wurde, wird sie nicht mehr bedient. Es hat sich eigentlich gar nicht viel geändert, aber es fühlt sich anders an. Der Andere erfüllt meine Erwartung nicht mehr. Wer dann nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht, wird sich abwenden, wird vielleicht sogar verraten und schaden wollen, ohne die wirklichen Folgen zu überblicken. Das muss doch so werden, wie ich es will, der Andere muss doch wieder so werden, wie er war, damit ich so bleiben kann, wie ich bin! Enttäuschte Erwartung – schnell wird ein Denkzettel daraus oder gar ein Verrat. Ist das mein Weg?

Dieter Harburg, Pfarrer an St. Georg, Goslar Jürgenohl

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