Talente

Das sind schon manchmal merkwürdige Geschichten in der Bibel. Jesus erzählte: da war einer sehr reich. Er hatte viele Talente Silber. Ein Talent war so viel wie ein Zentner. Er konnte sich aber eine Zeit lang nicht um das Geld kümmern. Also vertraute er es seinen Mitarbeitern an, damit die damit wirtschaften. Die investieren dann, ganz unternehmensfreudig. Das heißt, nicht alle. Einer vergräbt sein Talent, weil er Angst hat, es zu verlieren. Als der reiche Herr wieder kommt zur Abrechnung, haben die einen Gewinn gemacht. Sie werden gelobt. Der so Vorsichtige hat keinen Gewinn. Er wird auch noch bestraft. (Matthäus 25, 14-30).

Das klingt ja wie die aktuelle Wirtschaftspolitik. Wer in die Wirtschaft investiert, wird belohnt. Wer schlau spekuliert, steht am besten da. Und wer vorsichtig ist und spart, der wird bestraft. Dem bleibt am Ende nichts übrig von seiner Vorsicht. Ist das Jesus? Oder geht es hier gar nicht um Geld?

Talent hat in unserer Sprache noch eine ganz andere und schönere Bedeutung. Talent ist Gabe. Talent ist, dass ein Mensch etwas besonders gut hinkriegen könnte, wenn er es denn probiert. Talent ist Begabung und eine Bereicherung für alle, wenn diese Begabung eingesetzt wird wie ein Instrument in einem großen Orchester. Dann geht es nicht darum, wer als Einzelne oder Einzelner besonders gut da steht, sondern um einen guten Klang im Orchester. Wer seine Talente mit Zutrauen und dem Risiko auch, Fehler zu machen, in die Gemeinschaft einbringt, der schafft Reichtum. Wer sein Talent vergräbt und verkümmern lässt, der oder die fehlt im Orchester. Und dieser Mensch bleibt selbst auch arm. Es geht nicht um Geld. Hier geht es um eine andere Währung. Und so gesehen ist das keine Geschichte, die die stärksten Egoisten auf den Thron hebt, sondern eine, die am Glück interessiert ist, am Glück, sich positiv einbringen zu können in eine Gemeinschaft, am Glück aller.

Eigentlich sind wir Menschen auch so angelegt. Die Neurobiologie hat untersucht, wann Glücksreaktionen im Gehirn stattfinden. Am stärksten dann, wenn jemand mit seinen Gaben eine Aufgabe in einem Zusammenhang von Menschen gut meistert und wenn das Anerkennung findet. So gesehen ist diese Jesus-Geschichte wirklich up to date. Und: Wäre das nicht auch etwas für die aktuelle Wirtschaftspolitik?

Hartwig Wrede, Pfarrer am Goslar Krankenhaus

Propstei Goslar | Kirche für und mit Menschen in Stadt & Land Goslar