Worte zum Tag

 

 

Dialog braucht Überzeugungen

Wir leben in einem Zeitalter der Ökumene. Und das ist gut so. Die Zeiten sind vorbei, in denen evangelische Eltern ihren Kinder vorschrieben, sich von den katholischen Nachbarskindern fernzuhalten oder umgekehrt. Konfessionsverschiedene Ehen sind kaum noch ein Problem. Erst recht sind die Zeiten bei uns vorüber, in denen konfessionelle Zugehörigkeiten für politische Differenzen herhalten mussten, wie etwa in Nordirland. Menschen verstehen sich in erster Linie als Christen und Christinnen und nur nachrangig als evangelisch, katholisch oder orthodox.

Tragfähig ist solche Gemeinsamkeit dann, wenn sie nicht aus Gleichgültigkeit erwächst. Christ oder Christin zu sein heißt ja, für Überzeugungen einzustehen. Deshalb sollten Christen und Christinnen auch in der Lage sein, zu begründen, warum sie evangelisch oder katholisch sind. In früheren Zeiten entschied darüber der Landesfürst. War er evangelisch, waren es die Landeskinder auch. War er katholisch, mussten es auch die Untertanen sein. Die Regelung war schon damals nur ein Notbehelf zur Befriedung des Landes; heute wäre sie unerträglich.

Ich habe ein paar meiner Gemeindeglieder gefragt, warum sie eigentlich evangelisch sind und interessante Antworten bekommen: Weil die evangelische Kirche die Freiheit betont, auch in Glaubensfragen. Weil in der evangelischen Kirche die Geistlichen heiraten dürfen. Weil man sich in der evangelischen Kirche besonders bemüht, dass der Glaube nicht zur Zumutung für den Verstand wird. Weil die evangelische Kirche stärker für eine zeitgemäße Sexualmoral eintritt. Weil die evangelische Kirche betont, dass Menschen vor Gott nicht durch Leistungen bestehen können.

Was würden Katholiken als Vorzug Ihrer Konfession hervorheben? Vielleicht die oft größere Anschaulichkeit ihrer Gottesdienste? Oder ihre Traditionsverbundenheit? Die globale, nicht europazentrierte Perspektive?

Im ökumenischen Gespräch werden solche Akzente der je eigenen Konfession oft erst sichtbar. Und ein guter Dialog lebt ebenso von der Bereitschaft, dem anderen zuzuhören wie von der Fähigkeit, eigene Ansichten überzeugend formulieren zu können. Die Ausstellung, die gestern in der Marktkirche eröffnet wurde und die anschaulich über Martin Luther und die Reformation erzählt, mag helfen, die eigene Glaubensüberzeugung zu schärfen. Was glaube auch ich, was schon Luther glaubte? Was lehne ich ab? Was wäre aus seiner Sicht "evangelisch"? Und was sollte die evangelische Kirche heute besonders betonen?

Der Besuch der Ausstellung lohnt sich.

Thomas Gunkel, Propst in Goslar

Die Ausstellung ist täglich zwischen 11.00 und 17.00 h in der Marktkirche Goslar zu besichtigen.

 

 

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